Wie sicher und unbedenklich sind
Kernkraftwerke? Schon immer hat es Diskussionen darum gegeben, dass
das Krebsrisiko bei Menschen, die in ihrer unmittelbaren Nähe
wohnen, durch die Atommeiler erhöht wird. Doch bisher haben
sowohl Betreiber als auch die Politik das Risiko verneint. Jetzt legt
eine wissenschaftliche Auswertung die Vermutung nahe, dass
Kernkraftwerke der Gesundheit doch erheblich schaden.
Insgesamt 17 unterschiedliche Studien
zum Thema Krebsrisiko rund um Kernkraftwerke haben Peter Baker vom
Department of Biostatistics and Epidemiology an der Medical
University of South Carolina ausgewertet. Darin kommen sie zu dem
Schluss, dass Kinder und Jugendliche, die in der Umgebung von
Atomkraftwerken leben, ein bis zu 24 Prozent höheres Risiko
haben, an Leukämie zu sterben. Die Ursachen, warum dies so ist,
sind bislang allerdings unklar, bestätigen die Forscher im
Fachmagazin European Journal of Cancer Care.
Daten von insgesamt 136 Krenkraftwerken
in den USA, Kanada, Großbritannien, Japan, Frankreich, Spanien
und Deutschland wurden erfasst. Danach haben Kinder, die in der Nähe
von Atomkraftwerken lebten, nicht nur das stark erhöhte Risiko,
an Leukämie zu erkranken. Ihre Sterberate lag auch höher.
Die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung war umso höher, je näher
die Kinder an den Kernkraftwerken lebten.
Die Wissenschaftler nehmen in der
Studie allerdings Abstand davon, den Kernkraftwerken die alleinige
Schuld an der Krebsrate zu geben. Dieser Schluss sei nach der
Auswertung der Studien nicht gegeben. Radioaktive Strahlung ist zwar
nachweislich ein Risikofaktor für die Entstehung von Leukämie.
Es bleibt aber unklar, ob die Menge an Radioaktivität aus den
Atomkraftwerken groß genug ist, um das Krebsrisiko zu erhöhen.
Weitere Studien müssten dazu noch folgen, erklären die
Wissenschaftler. Es sei nicht zu leugnen, dass die vermehrten
Krebsfälle eben in unmittelbarer Nähe zu den
Kernkraftwerken aufgetreten sind.
"Das Ergebnis der Studien
überrascht allerdings kaum", meint der Biochemiker Roland
Scholz. "Das entspricht genau jenen Ergebnissen, die wir
seinerzeit im fünf Kilometer Halbkreis um das Kernkraftwerk
Krümmel südöstlich von Hamburg an der Elbe,
festgestellt haben.“ Seit Ende 1989 gab es in der unmittelbarer
Umgebung des Kraftwerks eine deutliche Häufung von
Leukämieerkrankungen. Sie betrug das Dreifache dessen, was
statistisch zu erwarten gewesen wäre.
"In einer unheiligen Allianz aus
Regierung, Wissenschaft und Industrie wurde das Thema
heruntergebügelt", klagt Scholz. Und das, obwohl die Fakten
eindeutig dafür gesprochen hätten. Scholz ist davon
überzeugt, dass die Ausdünstung eines Atomkraftwerks die
Gesundheit der Menschen belastet. Er kritisiert in diesem
Zusammenhang die zum Teil falsche statistische Auswertung der Daten.
"Wenn man die topografischen Bedingungen am Beispiel Krümmel
und die Windrichtung und dazu noch die Steig- und Fallwinde
beobachtet, kommt man zu einem eindeutigen Schluss", warnt
Scholz. "Wenn man in die statistische Trickkiste greift und den
Radius groß genug macht, dann gibt es kein brauchbares Ergebnis
mehr."
WANC 25.07.07/pte