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Kinder mit niedrigem Bildungsstand und in schlechten, beengten Wohnverhältnissen haben ein langfristig erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko (Foto: sfelder / pixelio.de)
Kinder mit niedrigem Bildungsstand und in schlechten, beengten Wohnverhältnissen haben ein langfristig erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko (Foto: sfelder / pixelio.de)
Herz und Gefäße leiden unter sozialem Stress - auch schon bei Kindern

Wer arm und sozial benachteiligt ist, der trägt ein erhöhtes ein Herz-Kreislauf-Risiko. Kardiologen führen die erhöhte Zahl von Herzinfarkten und Schlaganfällen bei Menschen in schlechten sozialen Verhältnissen unter anderem auf sogenannte soziale Stressoren (dazu zählen laut Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik Einschränkung von Bedürfnissen, Versagensängste, Konflikte, Meinungsverschiedenheiten, Verlust von Angehörigen und Ablehnung durch andere Menschen, Isolation, Gruppendruck, Rivalität und Intrigen sowie niedriger Lohn und schlechte Wohnsituation) zurück. Diese können die Gesundheit auch schon im Kindes- und Jugendalter beeinflussen.

Studienergebnisse sind eindeutig: Menschen aus sozial benachteiligten Verhältnissen erleiden zwei- bis dreimal häufiger einen Herzinfarkt oder Schlaganfall als Menschen, die unter besseren Bedingungen leben. Außerdem erholen sie sich von Krankheiten im Krankenhaus schlechter. „So verkürzt ein Herzinfarkt das Leben der Betroffenen in ärmeren Bevölkerungsschichten um rund fünf Jahre. Patienten mit höherem Einkommen verlieren nur etwa dreieinhalb Jahre“, weiß Dr. Thomas Lampert vom Robert Koch-Institut in Berlin. Ärmere Menschen haben in Deutschland insgesamt eine um mehr als fünf Jahre kürzere Lebenserwartung. Betrachtet man ausschließlich die Lebensjahre, die in guter Gesundheit verbracht werden, so beträgt der Verlust sogar mehr als zehn Jahre.

Ein ungesünderer Lebensstil erklärt den Unterschied nach Einschätzung von Lampert nur teilweise. Fakt sei: Ärmere Menschen rauchen in Deutschland häufiger und sind eher übergewichtig. Sie ernähren sich ungesünder und bewegen sich weniger. Zum Teil sind sie am Arbeitsplatz auch ungesunden Belastungen ausgesetzt. Darüber hinaus machen psychische Stressoren vielen das Leben schwer. Dazu zählt Lampert beispielsweise hohe Arbeitsanforderungen in Kombination mit geringer Selbstbestimmung. Experten sprechen hier von „Job Strain“. 

Aber auch „Gratifikationskrisen“ erhöhen das Herzinfarktrisiko: Solche entstehen durch das empfundene Missverhältnis von persönlichem Engagement am Arbeitsplatz und dem gezahlten Lohn oder das fehlende Lob durch Kollegen und Vorgesetzte.

Vielen ärmeren Menschen fehlt es zudem an sozialen Kontakten. Diese sind wichtig, so Lampert,  um in schwierigen Situationen Rückhalt zu haben. Der Verlust des Partners oder des Arbeitsplatzes führe bei ihnen schneller zu Lebenskrisen. Die fehlende soziale Unterstützung sei vermutlich aber nicht nur für die Bewältigung solcher Erlebnisse wichtig. Sie trage auch zu einer adäquaten Wahrnehmung und Bewertung dieser Belastungen bei und steuere so die Intensität und die Dauer der Stressreaktion: Ärmere Menschen gehen seltener zum Arzt und reagieren später auf gesundheitliche Beschwerden.

Belasten diese Faktoren Kindheit und Jugend, können sie Ursache für spätere Herz-Kreislauf-Erkrankungen sein, erklärt Dr. Morten Wahrendorf, Medizinsoziologe vom Institut für Medizinische Soziologie am Universitätsklinikum Düsseldorf. Zu den Belastungen, die für Kinder das Herzinfarktrisiko im Alter erhöhen, zählen Konflikte in der Familie, Misshandlungen, traumatische Erlebnisse und emotionale Vernachlässigung. 

In der europaweit durchgeführten Studie „Survey of Health Ageing and Retirement“ (SHARE) wurden über 27.000 Menschen über 50 Jahren zu Kindheitserfahrungen interviewt und ihre Antworten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Alter in Beziehung gesetzt. Die Ergebnisse zeigen, dass eine geringe berufliche Qualifikation des Vaters, ein niedriger Bildungsstand und schlechte, beengte Wohnbedingungen langfristig das Herz-Kreislauf-Risiko erhöhen. Wahrendorf: „Kindern und Jugendlichen ein sicheres, stabiles und von Armut freies Umfeld zu ermöglichen, könnte deshalb effizienter als die Behandlung einer Erkrankung im Alter sein.“

Wahrendorf meint, dass die Kindheit eine kritische Phase sein könnte, in der Handlungsmuster erlernt werden oder der Körper auf eine vermehrte Ausschüttung der Stresshormone Adrenalin und Kortison geprägt werde. Diese Hormone werden für die Schädigung der Blutgefäße mitverantwortlich gemacht, die im Alter zur Gefäßverkalkung führt. Es könnte aber auch sein, dass für manche Menschen die Kindheit nur der Beginn eines stressgeprägten Lebenslaufs ist, der mit einer ständigen Zunahme der Gesundheitsbelastung verbunden ist.

31.10.2018 cs / Quelle: Aktuelle Kardiologie

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