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Änderungen des Lebensstils: Was nützen sie wirklich?

Gut gemeinte Ratschläge: gesund ernähren, mehr bewegen, nicht rauchen, wenig Alkohol. Diese Tipps bekommen heutzutage alle, die sich um ihre Gesundheit kümmern. Und sie sind sicher auch sinnvoll. Doch trifft das auch auf Patienten zu, die krank sind? Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat jetzt für Patienten mit Bluthochdruck oder Diabetes untersucht, was eine Änderung des Lebensstils wirklich bewirkt.

Tatsächlich empfehlen nicht nur Ärzte sondern auch Organisationen und selbsternannte Heilsbringer Patienten mit Bluthochdruck, durch Veränderungen ihrer Lebensgewohnheiten, ihre Krankheit besser in den Griff zu bekommen. Zu den am häufigsten genannten guten Tipps gehören: weniger Kochsalz essen, das Gewicht reduzieren, Sport treiben, weniger Stress haben, mit dem Rauchen aufhören und den Alkoholkonsum beschränken. Ähnlich sieht das im übrigen bei Diabetes-Patienten aus. Beispielsweise wird körperliche Aktivität in Form von Ausdauertraining und auch Krafttraining in den Leitlinien vieler nationaler und internationaler Fachgesellschaften neben diätetischen und pharmakologischen Maßnahmen als dritte Säule in der Behandlung von Diabetes mellitus Typ 2 empfohlen.

Ganz klar: Ein gesünderer Lebensstil macht durchaus Sinn, um die Gesundheit insgesamt besser zu erhalten. Doch was es tatsächlich bringt, ist zumindest für Patienten mit Bluthochdruck oder Diabetes nicht wirklich erwiesen. Es wird zwar viel behauptet und als richtig unterstellt, doch das IQWiG hat diesen anscheinend so klaren Nutzen nach strengen wissenschaftlichen Kriterien bewertet. Und da verschiebt sich fast alles, was wir als logisch hinnehmen, in das Reich der unbewiesenen Behauptungen.

So stellt das IQWiG fest: "Nach Auswertung der weltweit verfügbaren Literatur stellen die Wissenschaftle/rinnen fest, dass die Studienlage für diese Fragestellungen unzureichend ist: Sofern überhaupt vorhanden, betrachten die Studien kaum patientenrelevante Zielgrößen. Oft sind überdies die Studiengruppen zu klein und die Studiendauer ist zu kurz, um belastbare Aussagen abzuleiten. Einige Studienergebnisse, beispielsweise zum Thema Stressbewältigung aus den 1970er und 1980er Jahren, lassen sich nur eingeschränkt auf die heutige Zeit übertragen. Darüber hinaus sind viele Studienergebnisse anfällig für Verzerrungen und daher nicht eindeutig interpretierbar."

Das IQWiG betont aber auch: „Die lückenhafte Studienlage bedeutet nicht, dass die von uns bewerteten Maßnahmen grundsätzlich keinen Einfluss auf die Gesundheit haben können. Für Menschen mit essenzieller Hypertonie und Diabetes mellitus gelten selbstverständlich dieselben allgemeinen medizinischen Erkenntnisse wie für alle anderen: starkes Übergewicht, Bluthochdruck, Rauchen und Alkoholmissbrauch belasten den Körper und schaden der Gesundheit.“

Die Bewertungen des IQWiG im einzelnen:
Kochsalz reduzieren
Erwachsene, die mit der Nahrung weniger Kochsalz zu sich nehmen, können ihren Blutdruck mittelfristig etwas senken. Ob Menschen mit dauerhaft erhöhtem Blutdruck, sogenannter essenzieller Hypertonie, auf diese Weise auch langfristig das Risiko für Folgeerkrankungen vermindern können oder weniger blutdrucksenkende Medikamente einnehmen müssen, bleibt allerdings eine offene Frage. Die Untersuchungen zeigen jedoch durchgehend, dass eine verminderte Kochsalzzufuhr helfen kann, den Blutdruck zu senken: Die systolischen Werte sanken innerhalb von bis zu einem Jahr um durchschnittlich 3,6 bis 8 mmHg, die diastolischen Werte um durchschnittlich rund 2 bis 3 mmHg. Dies gilt im Wesentlichen für Patientinnen und Patienten, die keine zusätzlichen blutdrucksenkenden Medikamente einnahmen. Wie nachhaltig dieser Effekt ist, bleibt allerdings unklar. Autoren zumindest einer Übersichtsarbeit berichten, dass der beobachtete Vorteil verschwindet, wenn man die Analyse auf Studien mit einer längeren Laufzeit (mindestens 6 Monate) einschränkt.

Körpergewicht senken
Es gibt bislang keine Studien, die belegen, dass Patienten mit essentieller Hypertonie seltener eine für Bluthochdruck typische Folgeerkrankung erleiden, wenn sie ihr Körpergewicht verringern. Allerdings senkt Abnehmen den Blutdruck. Wird das Körpergewicht alleine durch eine Diät abgebaut, ist die blutdrucksenkende Wirkung größer als bei einer durch Medikamente unterstützten Gewichtsreduktion. Aufgrund methodischer Mängel der meisten Studien ist die Aussage zur Effektivität der Diäten aber mit Unsicherheit behaftet. Keine der im Bericht berücksichtigten Studien lässt Aussagen über patientenrelevante Endpunkte und damit über den langfristigen Nutzen einer Gewichtsreduktion bei essentieller Hypertonie zu. So sagen sie beispielsweise nichts über die Verringerung des Risikos für Folgeerkrankungen aus. Diäten können bei einer Behandlungsdauer von bis zu einem Jahr das Körpergewicht vermindern und den Blutdruck senken (systolisch um ca. 3 bis 10 mm Hg, diastolisch um ca. 1 bis 6 mm Hg).

Mehr bewegen
Wie die Auswertung ergab, lassen die im Bericht berücksichtigten Studien keine Aussagen über die für Bluthochdruck-Patienten maßgeblichen Aspekte des Nutzens von vermehrter körperlicher Aktivität zu: Weder zu Sterblichkeit, Herz-Kreislauf-Erkrankungen (kardiovaskuläre Morbidität) oder Versagen der Nieren (terminale Niereninsuffizienz) noch zu gesundheitsbezogener Lebensqualität liefern die Studien genügend Ergebnisse. Die Daten zeigen, dass vermehrte körperliche Aktivität den systolischen Wert (den "oberen" Wert) um 5 bis 8 mm Hg senken kann. Beim diastolischen Wert (dem "unteren" Wert) zeigten sich dagegen keine Unterschiede zwischen den Behandlungsgruppen. Die Wissenschaftler/innen können jedoch nicht sicher vorhersagen, ob diese Verringerung von Dauer ist und wie sie sich gesundheitlich auswirkt.

Spezielle Ernährungsformen bei essenzieller Hypertonie (DASH-Diät)
Zu den patientenrelevanten Kriterien Gesamtmortalität, kardiovaskuläre Sterblichkeit bzw. Erkrankungsrate, Ausfall der Nierenfunktion (terminale Niereninsuffizienz), gesundheitsbezogene Lebensqualität und unerwünschte Ereignisse fanden sich keine Angaben. Ergebnisse lagen nur für die Kriterien "Dauer und Ausmaß der Blutdruckänderung" und "Änderungen bei der antihypertensiven Medikation" vor, aus denen sich aber kein Beleg oder Hinweis auf einen Nutzen oder Schaden ableiten lässt.

Stress bewältigen
Keine oder nur unzureichende Daten lieferten die sehr heterogenen Studien zu den patientenrelevanten Kriterien Sterblichkeit (Gesamtmortalität), Erkrankungs- und Sterblichkeitsrate bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen (kardiovaskuläre Mortalität und Morbidität), terminale Niereninsuffizienz, die gesundheitsbezogene Lebensqualität und unerwünschte Reaktionen (z. B. Gegenreaktionen bei imaginativen Entspannungsübungen). Insgesamt bleibt deshalb unklar, ob Maßnahmen der Stressbewältigung für Menschen mit essentieller Hypertonie einen spürbaren Vorteil oder Nachteil haben.

Weniger Alkohol trinken
Was Sterblichkeit, durch Bluthochdruck bedingte Folgeerkrankungen für Herz und Blutgefäße sowie Lebensqualität und unerwünschte Ereignisse infolge des verminderten Alkoholkonsums (z. B. Arbeitsunfähigkeit) betrifft, liefern die Studien keine beziehungsweise keine ausreichenden Daten. Das heißt, es fehlen Belege, dass die Maßnahme für die Patientinnen und Patienten einen spürbaren Vorteil hat. Belege fehlen aber auch in Hinblick auf die Senkung des Blutdrucks. Ebenso bleibt die Frage offen, ob Patientinnen und Patienten, die weniger trinken, weniger blutdrucksenkende Medikamente benötigen: Zwischen den beiden Behandlungsgruppen zeigten sich jedenfalls keine Unterschiede.

Nicht rauchen
Es ist unstrittig, dass Rauchen ein wichtiger Risikofaktor für eine erhöhte Sterblichkeit und eine Zunahme des kardiovaskulären Risikos ist. Viele weitere schädliche Auswirkungen des Tabakrauchens sind anerkannt. Es gibt durchaus hochwertige Studien, die über einen sehr langen Zeitraum den Effekt einer Maßnahme zum Rauchverzicht im Vergleich zur Standardversorgung ohne eine solche Maßnahme im Hinblick auf patientenrelevante Endpunkte untersucht haben. Das IQWiG konnte aber weltweit keine einzige Studie identifizieren, die die Wirkung von Interventionen zum Rauchverzicht bei Menschen mit Hypertonie hinsichtlich patientenrelevanter Therapieziele wie Mortalität, Morbidität und gesundheitsbezogene Lebensqualität untersucht hat. Keine Studie liefert Erkenntnisse zu einem Effekt auf den Blutdruck und die unmittelbare Behandlung der Hypertonie.

Steigerung der körperlichen Aktivität bei Diabetes mellitus Typ 2
Die Studiengruppen bestanden aus Personen mit einem mittleren Alter von etwa 60 Jahren und einem mittleren Body Mass Index (BMI) von über 30. Die Studien dauerten 6 bis 24 Monate. Die Studien sind aber nicht hochwertig, so dass ihre Ergebnisse sind mit Unsicherheiten behaftet sind. Sie liefern keine ausreichenden Daten für eine Nutzenbewertung von gesteigerter körperlicher Aktivität bei Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2 hinsichtlich der patientenrelevanten Endpunkte Gesamtmortalität, kardiovaskuläre Mortalität und Morbidität, Niereninsuffizienz, Amputationen, schwere Unterzuckerungen (Hypoglykämien) oder Erblindung sowie Netzhautveränderungen mit Einfluss auf das Sehvermögen. Außerdem liegt kein Hinweis auf oder Beleg für einen Effekt auf die gesundheitsbezogene Lebensqualität oder auf unerwünschte Ereignisse vor.

wanc 20.07.2012/ Quelle: Rapid Reports des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)
 
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