Krebs gilt heute als Volkskrankheit: Bei Frauen stieg die
Zahl der jährlich auftretenden Neuerkrankungen seit 1980 um 35 Prozent, bei
Männern sogar um 80 Prozent an. Dass die krebsbedingte Sterberate dennoch im
gleichen Zeitraum zurückging, hat unter anderem etwas mit der Entwicklung
moderner Krebsmedikamente zu tun. Aber nicht nur: In allen Bereichen der
Krebsmedizin - von der Grundlagenforschung bis hin zur strukturierten Nachsorge
der Patienten - haben sich merkbare
Erfolge eingestellt. Bis dahin war es jedoch ein weiter Weg. Und der ist
noch nicht zu Ende.
Bis zum zweiten Weltkrieg basierte die Krebstherapie primär
auf den beiden Verfahren Operation und Bestrahlung. Die Einführung der
Anästhesie (1846) markiert den Beginn der modernen Chirurgie und machte
Operationen, wie wir sie heute kennen, erst möglich. Die Basis für die ersten
Bestrahlungen von Tumoren bildete die Entdeckung des Radiums im Jahr 1903.
Der Rund-um-Schlag: das Zeitalter der Zytostatika
Die Wirksamkeit von Zytostatika erkannte man aufgrund von
Autopsien von verstorbenen Soldaten im ersten Weltkrieg. Dort zeigte sich, dass
Dichlordiethylsulfid (Senfgas oder Schwefel-Lost) vor allem das Gewebe aus sich
schnell teilenden Zellen (z.B. das Knochenmark) schädigt. Das brachte Mediziner
dazu, den Einsatz von Dichlordiethylsulfid in der Krebstherapie zu erwägen,
denn auch Krebszellen gehören zu den sich schnell teilenden Zellen. Nach Jahren
der Forschung wurde 1942 das weniger giftige Stickstoff-Lost als erstes
Zytostatikum („Zellstopper“) in die Krebsbehandlung eingeführt. Der Grundstein
der Chemotherapie war gelegt. Allen Zytostatika ist gemein, dass sie das
Zellwachstum bzw. die Zellteilung hemmen. Am wirksamsten sind Zytostatika somit bei
Zellen, die einen sehr aktiven Stoffwechsel haben und sich häufig teilen. Neben
den Tumorzellen reagieren jedoch auch gesunde Zellen, wie die Zellen der Haare
und Schleimhäute auf die Chemotherapie. Dadurch kommt es zu Nebenwirkungen wie
beispielsweise Haarausfall.
Eine neue Ära: die gezielte Therapie („Targeted Therapy“)
Um die Jahrtausendwende herum begann eine neue Ära in der
Krebsmedizin: 1998 wurde mit Rituximab, einem monoklonalen Antikörper, das
erste gezielt wirkende Krebsmedikament zugelassen. Bei einer Krebserkrankung
sind molekulare Schlüsselprozesse in den Zellen gestört. Diese neuen Wirkstoffe
richten sich - anders als Chemo- oder Strahlentherapien - zielgerichtet gegen
diese Angriffspunkte (englisch: targets) in den Tumorzellen. Gesunde Zellen
werden somit weitestgehend verschont und die Behandlung ist daher
verträglicher.
In den vergangenen Jahren wurden in immer kürzeren Abständen
neue „Targeted Therapies“ zugelassen. Sie werden bislang vorwiegend bei
Patienten mit fortgeschrittener Krebserkrankung eingesetzt und sind dort ein
fester Bestandteil in der Behandlung. Sie kommen entweder allein oder in
Kombination mit einer Chemo- oder Strahlentherapie zum Einsatz.
Diese modernen Medikamente richten sich gegen verschiedene
„Targets“ und haben einen unterschiedlichen Wirkmechanismus:
·Wachstumshemmer können beispielsweise die Signalübertragung zur
Zellteilung unterdrücken. Dadurch stoppt die Zellvermehrung und / oder die
entartete Zelle stirbt ab.
·Angiogenesehemmer können die Nahrungszufuhr des Tumors unterbinden. Um
wachsen und sich vermehren zu können, benötigt eine Krebszelle - wie gesunde
Zellen auch - Sauerstoff und Nährstoffe. Diese beziehen Zellen über Blutgefäße.
Ab einer gewissen Tumorgröße reichen die vorhandenen Blutgefäße allerdings
nicht mehr aus und die Zelle regt die Neubildung von Blutgefäßen hin zum Tumor
an (Angiogenese). Angiogenesehemmer hemmen gezielt das Tumorwachstum, indem sie
diese Blutgefäßneubildung unterdrücken.
·Mithilfe von
monoklonalen Antikörpern gelingt es, das körpereigene Immunsystem gegen den
Tumor zu richten: Durch die Bindung an bestimmte Oberflächenstrukturen von
Tumorzellen ist das Immunsystem in der Lage, die Krebszelle zu erkennen und
abzutöten.
Zielgerichteter behandeln: Personalisierte Therapie
Die Personalisierte Medizin verfolgt das Ziel, den Patienten
eine zielgerichtete und maßgeschneiderte Behandlung zukommen zu lassen. Anders
als bei bisherigen Behandlungsansätzen, bei denen es im Vorfeld nicht möglich
ist zu sagen, ob und wie der Patient auf sie anspricht, können den Patienten
mithilfe personalisierter Therapien unnötige Behandlungen und potentiell
vermeidbare Nebenwirkungen erspart bleiben. Gezielte Therapien sind bereits
heute Realität und werden bei einigen Krebsarten spezifisch eingesetzt. Zu
diesen personalisierten Behandlungsansätzen gehört zum Beispiel der im Jahre
2000 zugelassene Wirkstoff Trastuzumab für Frauen mit Brustkrebs. Anhand eines
Gewebetests können diejenigen Patientinnen identifiziert werden, die von der
Behandlung mit dem monoklonalen Antikörper profitieren könnten. Ein weiteres
Beispiel ist der Wachstumshemmer Erlotinib bei fortgeschrittenem Lungenkrebs.
Ebenfalls mittels eines Tests werden diejenigen Patienten bestimmt, die bereits
von Behandlungsbeginn an von dem Erlotinib-Einsatz profitieren können. Das ist
immer dann der Fall, wenn die Lungentumoren eine bestimmte genetische
Veränderung aufweisen.
Dank der neuen Medikamente ist es möglich, viele
Krebserkrankungen über einen längeren Zeitraum in Schach zu halten. Patienten
erhalten somit die Perspektive, wieder in ihren Alltag zurück zu kehren und mit
der Erkrankung viele Jahre mit hoher Qualität zu leben. Allerdings: Auch die
neuen Medikamente und Behandlungswege können Nebenwirkungen nicht verhindern.
Aber sie können sie auf ein Maß minimieren, dass es den Betroffenen ermöglicht,
besser mit der Erkrankung und der Behandlung zu leben.
Krebs heute
diagnostiziert zu bekommen, geht nicht mehr einher mit einem Todesurteil. Gerade
deshalb sollten alle heute anerkannten Maßnahmen zur Früherkennung genutzt
werden. Die Prognose ist bei einer Früherkennung nochmals erheblich gesteigert.