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Halskrause: Nur bei strukturellen Verletzungen wie Rissen und Brüchen an Wirbeln
Schleudertrauma: Halskrause ist out

Wer mit dem PKW einen Unfall erleidet, bekommt als Diagnose häufig Schleudertrauma gestellt. Als Behandlung verordnet der Arzt dann in den meisten Fällen eine Halskrause. Doch nach neueren medizinischen Erkenntnissen schaden diese Halskrawatten mehr als sie nützen. Trotzdem lassen viele Ärzte nicht von ihrer überholten Behandlungstechnik ab.

Fast 86% der Patienten mit einem Schleudertrauma, medizinisch auch als HWS-Distorsion bezeichnet, müssen die unangenehme und störende Halskrause tragen. Die durchschnittliche Behandlungszeit beträgt sieben Tage. Das ist das Ergebnis einer Umfrage, die Dr. Michael Schnabel, Unfallchirurg in Marburg, durchgeführt hat. Außerdem stellt die im Fachblatt ‚Der Unfallchirurg‘ veröffentlichte Studie fest, dass die Maßnahmen zur Diagnostik, Klassifikation und Behandlung an deutschen Kliniken "die bekannten Probleme im Umgang mit dem Beschwerdebild der HWS-Distorsion" wiederspiegelt. Und: "Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zur funktionellen Behandlung sind bisher nur in begrenztem Maße in den klinischen Alltag übernommen worden."

Das bedeutet nichts anderes, als dass Ärzte mit veralteten Methoden therapieren. Oder, wie es die Deutsche Gesellschaft für Physikalische Medizin und Rehabilitation (DGPMR) drastisch ausdrückt: "Viele Patienten werden falsch behandelt. Zur Behandlung eines Schleudertraumas ist eine Halskrause oft überflüssig." Statt einer Ruhigstellung, die die Beschwerden oft noch verschlimmert, empfiehlt die DGPMR eine frühzeitige Aktivierung der Nackenmuskulatur.

Denn nur in den seltensten Fällen erleiden Autofahrer bei Auffahrunfällen strukturelle Verletzungen wie Risse und Brüche an Wirbeln, Bändern oder Sehnen. In aller Regel werden die Halsmuskeln überdehnt. "Dies führt vor allem bei schon vorher bestehenden Haltungsschäden mit gestörter Muskelfunktion zu Schmerzen im oberen Nackenbereich", erläutert Dr. Uwe Moorahrend von der DGPMR. "Das Schlimmste, was man diesen funktionsgestörten Muskeln antun kann, ist, sie mit einer Halskrause ruhig zu stellen." Dann entstehe der so genannte Immobilisationsschmerz, der zu weiteren Bewegungseinschränkungen führe und das Leiden oftmals chronisch werden lasse.

Die DGPMR empfiehlt statt dessen, den akuten Schmerz mit physikalischen Verfahren und gegebenenfalls Medikamenten konsequent zu behandeln, um frühzeitig mit einer aktiven Therapie unter fachkundiger Anleitung zu beginnen. Dabei wird die Nacken- und Schultermuskulatur stabilisiert und gestärkt. "Die Wiederherstellung des Normalzustandes ist beste Voraussetzung dafür, lang anhaltende Schmerzzustände und Bewegungseinschränkungen zu verhindern", betont Moorahrend.

Jährlich passieren auf Deutschlands Straßen etwa 200.000 Auffahrunfälle mit oft schwer wiegenden Folgen für die Beteiligten: Wenn beim Aufprall der Kopf zunächst gegen die Nackenstütze gedrückt und anschließend nach vorne geschleudert wird, erleiden die Unfallopfer starke Schmerzen und Einschränkungen der Beweglichkeit im Kopf-Hals-Bereich. Häufig treten Kopfschmerzen und Konzentrationsstörungen auf, manchmal sogar Ohrgeräusche und Schwindel. Bisher gibt es keine einheitlichen Richtlinien für die Diagnose und Therapie des Schleudertraumas, wie die DGPMR bemängelt. Allein 20 verschiedene Definitionen, die den Schweregrad der Verletzung angeben, sind in Deutschland gängig. Die einzige Behandlungsgrundlage für das Verordnen einer Halskrause lautet oftmals: Ruhigstellung kann nicht schaden. Eine wissenschaftliche Begründung hierfür gebe es bis heute nicht, kritisiert die DGPMR.

Gemeinsam mit anderen Fachärzten hat Moorahrend einen "Verletzungsdokumentationsbogen" entworfen, der künftig allen Ärzten in Deutschland in die Hand gegeben werden soll, die Schleudertrauma-Patienten behandeln. In standardisierter Form werden dabei Unfallhergang, Diagnostik, Befund und Behandlungsplan abgefragt. Der Erfassungsbogen wurde bereits an 296 Patienten getestet. Fast 80 Prozent von ihnen klagten über Schmerzen oder Bewegungseinschränkungen. Drei Viertel der Patienten erhielten Schmerzmittel verordnet, 66 Prozent eine Halskrause, und 40 Prozent waren wegen Nackenschmerzen vorübergehend arbeitsunfähig. Moorahrend: "Damit haben wir erstmals ein einheitliches Instrument zur Dokumentation von Diagnose und Therapie. Dies kann uns wichtige Hinweise für die Früherkennung und Prävention von Langzeitverläufen liefern."

WANC 13.07.04

Dr. Gumpert

Ratgeber Gesundheit

WDR 2

 
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